Smirn und Gratze - die Auswahl

Am Ende des Lebens

Jack Nicholson
Eddie Murphy
  Am Ufer

Jean-Paul Sartre
Mickey Mouse
      Bei wahnsinniger Hitze
John Wayne
Jim Carrey
             
    Im Schneetreiben

Mario Adorf
Patrick Stewart
      Bei Tisch

Sophie Rois
Veronica Ferres
             
Im luftleeren Raum

Clark Gable
Arnold Schwarzenegger
      In guter Gesellschaft

Phill Niblock
Grace Jones
 

In der Hölle auf Rädern

Sonja Kirchberger
Macaulay Culkin

             
    In der Kirche

Barry White
Christoph Schlingensief
  Im Studentenwohnheim

Lino Ventura
Christina Ricci
   
             
Bei wahnsinniger Hitze

Eine weite, staubige Ebene, über der die unerträglich heiße Luft flirrt und eiert.
Vor einer heruntergekommenen Hütte, die die Zeit silbergrau gebleicht hat, sitzt SMIRN (Jim Carrey) in einem alten Ledersessel, aus dem die Holzwolle quillt. Er hat seinen Hut tief ins Gesicht gezogen, so daß nur die untere Gesichtshälfte zu sehen ist, die von einem dichten schwarzen Bart bedeckt ist.
Er sitzt völlig regungslos.
Von irgendwo her ist ein leises, aber tausendstimmiges Summen zu hören.
Von Ferne nähert sich vorsichtig, beinahe unterwürfig der völlig mit Staub bedeckte GRATZE (John Wayne).
Er ringt nach Luft und versucht gleichzeitig den Atem anzuhalten. Seine Lippen sind ausgedörrt. Immer wieder beugt er sich tief hinab, um Smirns Augen sehen zu können, aber der Hut verdeckt sie.
Wenige Schritte vor Smirn bleibt er stehen.
Smirn rührt sich nicht.
Gratze nimmt seinen Hut ab und räuspert sich verhalten.
Keine Reaktion.
Ratlos knetet er den Hut und räuspert sich abermals.
Als Smirn sich immer noch nicht bewegt, beginnt Gratze zu sprechen.

GRATZE (flüstert)
Ich habe mit Hank und Frank gesprochen –

Er zögert, aber Smirn bleibt ungerührt.
Etwas sicherer und lauter spricht Gratze nun weiter.

GRATZE
- und wir sind uns einig, dass es so nicht weitergehen kann.

Plötzlich schwillt das ununterbrochene Summen etwas an, erschrocken bricht Gratze ab.
Er steht mit angehaltenem Atem und beobachtet Smirn.
Langsam verrinnt die Zeit.
Dann ist alles wie vorher, das Summen leise, die Luft zähflüssig.
Erneut schöpft Gratze Mut.

GRATZE (hastig)
Die Jauchegrube. Die Hitze. Unerträglich.

In diesem Moment schnaubt Smirn.
Sein Bart stiebt mit lautem Summen auseinander. Sein Kopf ist von einem riesigen Schwarm dicker schwarzer Fliegen verhüllt. Sie schwirren und surren ekelerregend auf Gratze zu.
Smirn hebt ein wenig den Kopf, so dass Gratze seine Augen sehen kann.
Gratze macht zwei Schritte zurück, dreht sich dann um und rennt in einer Staubwolke davon.
Langsam senkt sich der Staub wieder und der Bart kehrt zurück auf Smirns Gesicht.

             
Im Schneetreiben

Im dichten Schneetreiben steht GRATZE (Patrick Stewart) an der Bushaltestelle am Ortsausgang von Düstritz. Der kleine Unterstand bietet kaum Schutz vor den dicken Flocken, die alles mit Weißheit und Stille einhüllen. Die paar geduckten Häuschen von Düstritz auf der einen und die Landstraße auf der anderen Seite sind nicht einmal mehr zu erahnen.
Gratze tritt von einem Fuß auf den anderen und lauscht in die düstere Helle. Von Ferne ist im Wispern der Schneeflocken ein Brummen zu hören, das schnell näher kommt. Es ist der Bus.
Schon hält er an, die Türen öffnen sich und nachdem sich die Dampfwolken, die aus dem Inneren des Busses fallen, verzogen haben, blickt SMIRN (Mario Adorf) Gratze vom Fahrersitz an.
Er hat die Ärmel seines hellblauen Hemds hochgekrempelt, seine Wangen sind heftig gerötet und er kaut mit weit offenem Mund auf einer Wurststulle.

SMIRN
Immer rein in die gute Stube.

Gratze schüttelt den Schnee ab und steigt ein, hinter ihm schließen sich die Türen.
Die Scheiben des Busses sind beschlagen, die Sitzreihen leer und die Beleuchtung über den Sitzen ausgeschaltet.
Nur Smirns Platz ist in warmes Licht getaucht.
Gratze zückt sein Portemonnaie

SMIRN
Lass stecken, mein Freund. Mach’s dir gemütlich.

Als er den Arm hebt und auf den Platz direkt hinter dem Fahrersitz deutet, ist deutlich der Schweißfleck zu sehen, der sich schon bis zu Smirns fülliger Taille ausgebreitet hat.
Gratze nimmt Platz und Smirn fährt los, nachdem er sich den Rest seiner Stulle in den Mund geschoben und die Finger an der Hose abgewischt hat.

GRATZE
Vielen Dank. Sehr freundlich von Ihnen.


SMIRN
Wird ne lange Fahrt bei dem Wetter.

Er beobachtet Gratze im Rückspiegel, während er den Bus über die verschneite Straße steuert.

SMIRN
Mollig warm hier, was?

Gratze nickt, lächelt verkrampft und zieht sich den Mantel aus.
Smirn saugt mit einem Strohhalm lautstark Kakao aus einem Tetrapack und bietet auch Gratze einen Schluck an, indem er das Getränk nach hinten streckt.
Gratze lehnt kopfschüttelnd ab.

GRATZE
Hätten Sie was dagegen, wenn ich mal lüfte?

SMIRN
Wir wolln doch nicht zum Fenster raus heizen.

Er droht scherzhaft mit dem Zeigefinger und einen Augen-blick verliert er die Kontrolle über seinen Bus, sie geraten ins Rutschen und Schlingern, aber Smirn hat die Situation gleich wieder im Griff.
Gratze klammert sich an der Haltestange neben der Fahrer-kabine fest.
Smirn amüsiert sich köstlich und fährt absichtlich noch ein paar Schlenker.
Am Straßenrand taucht eine Haltestelle aus dem Nichts auf.
Gratze springt auf. Er drückt nervös auf den „Bitte halten“-Knopf und über Smirn leuchtet das „Wagen hält“-Signal auf.
Er fährt trotzdem weiter.

SMIRN
Wie denn, was denn? Hier?

Er deutet auf die verschneite Landschaft.

SMIRN
Was da passieren kann – das würd ich mir nie verzeihn.

Gratze läßt sich wieder auf den Platz sinken und sieht eine Zeit lang unbewegt aus dem Fenster.
Wie ein Geisterschiff fährt der Bus durch die Welt, die unter Schnee begraben liegt.
Immer noch klammert er sich an die Stange.
Schließlich beugt er sich zu Smirn.

GRATZE
Die Situation gefällt Ihnen, was?

SMIRN
Und warum auch nicht? Jeder Jeck is anders, wie man im Rheinland sagt.

             
Bei Tisch

Die SMIRN (Sophie Rois) hat den Tisch in der Stube recht hübsch gedeckt, es stehen zwei hölzerne Tellerchen und eine dampfende Suppenschüssel auf dem weißen Leintuch.
Schon springt die Tür auf und die GRATZE (Veronica Ferres) kommt herein. Sie weint bitterlich.

GRATZE
Huhuhuuu... wie gemein... Uuuh... Oh, ist das gemein...

SMIRN
Ei, liebe Gratze, was weinst du denn so bitterlich?

GRATZE
Huhuuu... Des Schneiders Sohn hat mich einen weinerlichen Schnepf genennt.

Da tut ihr die Smirn einen großen Schlag Suppe auf.

SMIRN
So iss erst einmal, auf dass du Leib und Seele beisammen zu halten bekommst. Und hernach gehen wir zu dem Schneider sein Haus und dann mag sich der Lümmel bei dir entschuldigen.

Gratzes Tränen aber tropfen in ihr Suppenschüsselchen. Sie mag sich nimmer beruhigen.

GRATZE
Hu-huuu. Und wenn es regnet, als bald wir über die Straße gehen?

SMIRN
Dann laufen wir unter dem Regen weg.

GRATZE
Und wenn ein Sturm aufzieht und die Schindeln vom Kirchturm reisst und sie durch die Lüfte wirbelt?

SMIRN
So nehmen wir den ehernen Waschbottich mit, uns darunter zu verstecken, bis dass der Sturm vorüber ist.

GRATZE
Uuuhuuu... Und wenn einer des Weges kommt und einen Fuder Holz auf dem Bottich ablädt?

SMIRN
So hab ich eine Pfeife zur Hand, damit wir Laut geben können und man uns höre und befreie.


GRATZE
Aber was denn für eine Pfeife, liebe, gute Smirn?

SMIRN
Halte du nur dein Plappermäulchen fein still und iss deine Suppe.

GRATZE
Oh bitte, bitte, du musst es mir sagen. Was für eine Pfeife denn wohl?

Da holt die Smirn aus und pfeift der Gratze eins auf ihre Backe.

             
In der Kirche

Ein heißer Sommerabend. Das ganze Viertel treibt sich auf der Straße rum.
SMIRN (Barry White) sitzt auf der Treppe eines Hauses, ißt eine Feige und betrachtet versonnen das Treiben um sich herum. Er wird auf GRATZE (Christoph Schlingensief) aufmerksam, der eine junge Frau belästigt, indem er dicht hinter ihr laufend obszöne Geräusche ausstößt.
Smirn erhebt seine Massen geschmeidig und schlendert heran. Er legt Gratze, der das Mädchen an eine Hauswand gedrängt hat, eine Hand auf die Schulter.

SMIRN
Hey Mann. Du hast ein Problem.

Gratze fährt herum.

GRATZE
Verpiss dich, sonst hast du ein Problem.

Das Mädchen macht sich aus dem Staub.
Smirn lächelt gütig, läßt seine Hand aber eisern auf Gratzes Schulter liegen.

SMIRN
Du solltest etwas mehr Respekt haben vor den Ladies, mein Junge. Weide dich an ihrem Anblick. Mach ihnen Komplimente. Bete sie an. Aber verlier niemals den Respekt. Das ist die göttliche Kraft der Liebe. Und Gott ist eine Frau.

Gratze schüttelt Smirns Hand ab, ihm ist sichtlich unwohl, aber er bleibt stehen.

GRATZE
Bist du'n Prediger oder was?

Smirn nickt.

SMIRN
Sowas in der Art. Und das hier -

Er umfasst mit einer Geste die Straße, das Viertel, vielleicht sogar die ganze Welt.

SMIRN
- ist meine Kirche.

GRATZE
Klingt gut. Und die Weiber stehen drauf?

Smirn nickt wohlwollend.

SMIRN
Die Ladies sind verrückt danach.

GRATZE
Cool. Liebe und Respekt. Ja. Kann gut sein.

SMIRN
Du hast es, Mann.

GRATZE
Wow.

Smirn lächelt wissend, bläht plötzlich die Nasenflügel, wittert.

SMIRN
Ich muß weiter. Dieser süße Duft. Diese Verheißung.

Er geht direkt in den Sonnenuntergang hinein. Gratze sieht ihm noch lange nach.

             
Am Ufer

Der See schwappt viskos ans Ufer und stinkt wie ein alter Krabbensalat. Ab und zu steigt eine grün schillernde Blase im Wasser auf - es dauert Sekunden, bis sie an der Oberfläche zerplatzt. Eine Ente müht sich, der zähen Umklammerung des Wassers zu entkommen.
Unter einer Weide, die ihre Äste in die Brühe stippt, sitzt SMIRN (Jean-Paul Sartre) auf einem Klapphocker. Er hat das Kinn in die Hände gestützt und und blinzelt träge in den veilchenblauen Himmel. Seine Angel liegt neben ihm im Gras, in einem transparenten Plastikbecher winden sich Maden.
Diese geradezu überirdische Ruhe wird nur ein wenig gestört, als GRATZE (Mickey Mouse) vorbeitrabt. Er trägt ein hochtechnisches Laufkostüm, das den Blick auf sein Muskelspiel ermöglicht und doch alles verhüllt.

GRATZE
Petri Heil!

Als Smirn sich umdreht, ist Gratze schon hinter einem Busch verschwunden.
Smirn schüttelt verwirrt den Kopf und versenkt sich wieder in den Anblick des Himmels. Das Vergehen der Zeit kann vielleicht anhand der aufsteigenden, verharrenden und schließlich zerplatzenden Blasen ermittelt werden.
Dann kommt wieder Gratze vorbeigelaufen. Sein Gesicht glänzt.

GRATZE
Na, beissen sie!?

Diesmal ist Smirn ewas schneller; er sieht gerade noch, wie Gratze hinter dem Busch verschwindet. Einige Augenblicke lang - zwei Blasen steigen auf, verharren und zerplatzen - sieht er den Busch an, dann wendet er sich wieder dem Himmel zu.
Doch seine entspannte Ruhe ist dahin. Immer wieder wirft er einen Blick über die Schulter auf den ausgetretenen Pfad, wo jede Minute Gratze wieder vorbeiziehen könnte.
Smirn greift nach seiner Angel und wiegt sie nachdenklich in der Hand. Er holt aus, als wolle er den Köder auswerfen, aber dann lässt er die Rute wieder fallen. Smirn dreht seinen Hocker um, so dass er den Weg im Auge hat und wischt sich den Schweiß von der Stirn.
Und dann ist es wieder so weit: Gratze kommt im Laufschritt um die Biegung. Hocherfreut bemerkt er, dass Smirn ihn ansieht. Er verlässt den Pfad und trabt auf Smirn zu, bleibt vor ihm aber nicht etwa stehen, sondern hüpft und federt auf der Stelle.

GRATZE
Und wie siehts aus? Schon was rausgezogen? Heute abend Bouillabaisse, was? Angeln muss herrlich beruhigend sein. Ich stelle mir das so friedlich vor. Mensch und Natur. Aber –

Er deutet auf die Angel und bleibt empört stehen.

GRATZE
- Sie haben ja... Also, das ist doch... Sie angeln ja gar nicht!

Smirn nickt lächelnd. Gratze setzt sich wieder in Bewegung und joggt davon. Noch als der Busch ihn längst verschluckt hat, ist sein aufgebrachtes Gebrabbel zu hören.

GRATZE
Das ist ja wohl das allerletzte! Hockt sich hin und legt die Angel ins Gras... Der hat vielleicht Nerven... Soviel Zeit möchte ich mal haben... Unmöglich... Kein Wunder, dass unsere Gesellschaft den Bach....

             
Im luftleeren Raum

Auf elegante Weise schlecht gelaunt streunt SMIRN (Clark Gable) durch den Weltraum.
Ein paar Sterne sind ihm im Weg und er kickt sie samt ihren Monden in die blauschwarze Tiefe des Raumes. Schnell kehren sie, durch die komplizierten Kräfteverhältnisse halb gezogen, halb geschoben, an ihren angestammten Platz zurück, was Smirns Stimmung nicht gerade hebt.
Er schnippt den lauen Planeten aus seiner Umlaufbahn. Leise und trotzdem markerschütternd steigt ein Schrei aus Milliarden Kehlen von der Erde auf.
Smirn lacht zufrieden.
Als er sich umdreht, steht GRATZE (Arnold Schwarzenegger) hinter ihm.
Gratze hat seine monströsen Arme vor der Brust verschränkt und zeigt sein Nussknackergebiss ohne zu lächeln.

GRATZE
Ham’s di also wieda aussig‘lassn?

Smirn wedelt sich mit der Hand vor dem Gesicht herum, als stiege ihm ein unangenehmer Geruch in die Nase.
Gratze ballt die Linke vor der Brust zur Faust und öffnet die Hand in einer Drehung. Aus seinen Fingerspitzen schießt ein feiner, senfgelb glitzernder Staub geradewegs auf Smirns Gesicht zu.
Smirn reisst Mund und Augen auf und bekommt einen Niesanfall.

GRATZE
Des is a Warning! Wennst wieda ofangst des Universe umananda zum haun, gibt’s koa mercy.

Er wirft Smirn, der sich langsam wieder beruhigt, ein Taschentuch zu, das er aus dem Ärmel zieht, dreht sich dann um und geht davon.
Smirn sieht ihm zähneknirschend nach, er hebt seine Rechte zum Mund, schnalzt mit der Zunge und –
hält ein brennendes Zigarillo zwischen den Fingern.

SMIRN
Ich mag es nicht, wenn man mir droht.

Er zieht einmal kurz und bläst dann einen nicht enden wollenden Strahl aus Rauch hinter Gratze her. Die dichte Qualmwolke wälzt sich durch das All, saugt an den Seiten Sternenstaub auf und reisst einige kleine Asteroiden mit.
Im letzten Moment blickt Gratze über die Schulter zurück.

GRATZE
Hoover-Al-Truva!

Schon hält er einen riesigen Staubsauger in der Hand, der die Rauch- und Staublawine in eine andere Dimension absaugt, ehe sie die Milchstrasse erreicht.
Als Gratze den Staubsauger ausschaltet und zu Smirn herübersieht, mahlen seine Zähne.
Er sieht ein bißchen lächerlich aus, mit dem Staubsauger neben seinen Füßen.
Smirn drückt sein Zigarillo an einem Mond aus und lächelt.

SMIRN
Das Leben
Ist Kampf
Gegen Den Staub -

Er deutet auf Gratze und der trägt plötzlich einen Kittel und ein Kopftuch.

SMIRN
- Und Gegen Die Langeweile.

Er selbst hält nun einen Billardqueue in der Hand und versetzt einem Mond in der Nähe einen gezielten Stoß. Der Mond rollt auf einen Planeten zu und schiebt ihn mit einem satten Klack an. Der Planet streift eine Sonne, die nun schnell auf ein Wurmloch zuläuft.
Gratze hebt die Hände, als würde er eine Kugel umfassen.

GRATZE
Zu Schatten Turn From Light
Zur Kugle Number Eight.

Und tatsächlich – die Sonne erlischt, wird klein und schwarz und nun droht die Schwarze Acht ins Loch zu fallen.
Smirn macht aus dem Stand einen Salto, knickt zwar bei der Landung mit dem linken Fuß um, rennt dann aber doch in einem Trikot mit der Nummer 17 hinter der Sonne her, die ein Eight Ball war und sich nun in einen Fußball verwandelt hat.
Mit dem Ball am Fuß stürmt Smirn aufs Tor. Wunderschön, perfekt, wie er sich die Kugel vorlegt, aber plötzlich rutscht Gratze mit der Rückennummer 12 ihm von hinten in die Füße, Smirn hebt ab und klatscht auf den Rasen, wo er sich zusammenkrümmt. Rote Blitze schießen vor Schmerz und Wut aus seinen Augen.
Das Publikum flippt aus. Bierbecher fliegen auf den Platz.
Der Schiedsrichter kommt angetrabt und bedeutet Smirn aufzustehen und weiterzuspielen.
SMIRN
Das war rot, Sie Pfeife!

Das Gesicht des Schiedsrichters gefriert, er pfeift und greift tatsächlich sofort nach der roten Karte, aber er zeigt sie Smirn selbst.
Smirn ist fassungslos und noch nicht einmal vom Platz, als Gratze den Freistoß verwandelt und seine Finger zum Victory-Zeichen spreizt.

             
Am Ende des Lebens

Ein großer Obduktionsraum in der Pathologie. An den Wänden schimmern matt die Kühlschubladen, in denen die Leichen aufbewahrt werden. Im Raum ist es dunkel, bis auf den hellerleuchteten Edelstahl-Obduktionstisch. Dort liegt der tote SMIRN (Eddie Murphy), er ist nackt, seine Bauchdecke und sein Brustkorb sind geöffnet.
Am Tisch steht GRATZE (Jack Nicholson) und sieht ZWEI PATHOLOGEN in grünen Schürzen nach, die sich auf dem Weg zur Tür die Gummihandschuhe abstreifen.

GRATZE
Vielen Dank, Leute!

Die beiden Ärzte winken abwehrend und gehen hinaus.
Als die schwere Tür mit einem dumpfen Knall ins Schloss gefallen ist, wendet Gratze sich Smirn zu.
Er beginnt schallend zu lachen, mit weit offenem Mund und ernsten Augen. Nach einigen Sekunden verstummt er plötzlich und zeigt auf Smirn.

GRATZE
Ja, Mann, ich lache über dich.

Mit einem Schritt ist er aus dem Licht in die Dunkelheit getaucht.
Seine Schritte sind nicht zu hören, aber sein Lachen bewegt sich im Raum.

GRATZE
Ich finde es nämlich verdammt komisch. In deiner Akte steht: -

Er ist wieder an den Tisch getreten und beugt sich über Smirn.

GRATZE
- analytisch, berechnend, mathematisch hochbegabt. Wir wurden gewarnt. Aber deine Rechnung ist nicht aufgegangen. Du hast mich zwar Nerven gekostet, aber bezahlt hast schließlich du, Nigger. Mit deinem billigen, kleinen Scheißleben. Wenn sich jemand für besonders schlau hält, werde ich irgendwie sauer.

Gratze hat sich in Rage geredet, sein Mund spricht dicht an Smirns Ohr.

GRATZE
Ich kriege Schlafstörungen. Und dabei lege ich großen Wert auf gesunden Schlaf.

Plötzlich bewegt Smirn sich. Er blinzelt etwas, schmatzt und dreht sich dann auf die Seite. Entweder friert er oder er will seine Gedärme festhalten, denn er schlingt seinen Arm um den geöffneten Leib.
Dann liegt er wieder ruhig.
Gratze hat verblüfft innegehalten und sich wieder aufgerichtet. Er starrt hinunter auf Smirn, aber der bewegt sich nicht mehr.

GRATZE (brüllt)
Du willst mich verarschen, ja!?

Wieder blinzelt Smirn in das helle Licht.

SMIRN (murmelt schlaftrunken)
Entspann dich, Mann. Lass mich einfach mal auspennen.

GRATZE (außer sich)
Hier wird nicht rumgepennt.

Ob er will oder nicht – Smirn wacht nun doch auf. Trotzdem hält er seine Augen geschlossen.

SMIRN
Ach Scheiße. Ich habe gerade so schön geträumt...

Ein versonnenes Lächeln huscht über Smirns Gesicht und er kuschelt sich noch etwas mehr zusammen, schiebt seine Hände zwischen die Oberschenkel.

SMIRN
Zuerst fiel ich. Ich fiel und fiel durch absolute Schwärze, durch ein dunkles Gas und als ich schon dachte, ich sei dazu verurteilt ewig zu fallen, da sagte ich mir: Das gibt es gar nicht, absolute, ewige Dunkelheit, finsteres Gas. Dann war es vorbei und ich landete auf einem Platz, der mit feinem, hellen Kies bestreut war. Von dem Platz führten Straßen in alle Himmelsrichtungen, sie waren mit groben Holzpflöcken und weichem Gras gesäumt und auch auf den Straßen lag dieser weiche Kies. Ein sanftes Vibrieren erfüllte die Luft.

Gratze steht erstarrt am Tisch.

GRATZE
Wie? Was? Wovon redest du, Mann? Du bist tot.

Smirn scheint ihn gar nicht zu hören.

SMIRN
Ich war in der Welt der Riesenkatzen. Sie waren freundlich und störten sich nicht daran, daß ich nackt bin. Sie packten mich mit ihren Zähnen vorsichtig im Genick und trugen mich herum. Sie putzten mich mit ihren rauhen Zungen und lachten oft über mich, aber sie meinten es nicht böse. Es war wie im Himmel.

Nun schlägt Smirn doch die Augen auf. Das helle Licht blendet ihn, aber er sieht Gratze unverandt an, so daß sich in seinen Augenwinkeln Tränen sammeln.

SMIRN
Aber dann wurde ich geweckt.

Er stützt sich etwas hoch.

SMIRN
Bei aller Feindschaft – jemand, der selbst einen empfindlichen Schlaf hat, sollte wissen, wie ungenehm das ist. Rücksichtslos.

Smirn läßt sich wieder zurücksinken und wirft Gratze noch einen vorwurfsvollen Blick zu, ehe er wieder die Augen schließt.
Gratze sieht betreten zu Boden und geht dann leise zur Tür, wo er das Licht löscht. Vorsichtig und beinahe lautlos schließt er die Tür hinter sich.

             
In guter Gesellschaft (Reality Show)

Venedig. Aftershow-Party des Festivals für neue, seltsame und schöne Musik. Zwei DJs legen frickelige Break Beats auf.
SMIRN (Phill Niblock*) und GRATZE (Dean Roberts**) stehen an der Bar und trinken Gin Fizz.

GRATZE
Und? Zufrieden?

Smirn hält sich die Hand ans Ohr, er versteht nicht. Die Musik ist sehr laut.

GRATZE
Ob du zufrieden bist?

SMIRN
Hmm. Hmmm.

Sein Blick schweift über das Gewusel aus Kunstfreunden, Kritikern, Groupies, Schmarotzern und vereinzelten Künstlern.

SMIRN
Sag mal, wer ist eigentlich dieser –

Er nestelt einen Zettel aus der Innentasche seines SalzundPfeffer-Jackets und faltet ihn auseinander. Es ist das Festival-Programm.

SMIRN
- dieser Lou Reed?

Gratze sieht Smirn ungläubig an.

GRATZE
Du kennst Lou Reed nicht?

Smirn schüttelt den Kopf.
Ehe Gratze jedoch zu einer Erklärung ansetzen kann, kommt von der Tanzfläche GRACE JONES zur Bar herüber. Sie trägt einen Catsuit, der grünlich schillert und einen tropfenförmigen Fahrradhelm und baut sich direkt vor Smirn auf. Mit einem tiefen Blick in Smirns Augen lässt sie ihre Hüften kreisen, kommt näher, reibt sich an Smirn und zieht ihn schließlich auf die Tanzfläche.
Zunächst unbeholfen, tapsig wie ein Bär, dann immer geschmeidiger tanzt Smirn mit Grace Jones. Sie legt ihm ihre langen, eleganten Arme um den Hals. Er fasst sie um die Taille. Sie fährt ihm mit ihren blau lackierten Krallen durch den Bart, dann mit der Zunge über die Lippen. Smirns Brille beschlägt. Die beiden vergessen Gratze, Lou Reed und all die anderen und verbringen den Rest des Abends eng umschlungen, knutschend im stolpernden Rhythmus der Musik.

Venedig. Smirn und Gratze sitzen schweigend am Frühstückstisch in Gratzes Wohnung und versuchen ihren Kater mit Sardinen und Espresso zu kurieren. Draussen gurren die Tauben. Plötzlich sieht Smirn Gratze scharf an.

SMIRN
Wer ist denn jetzt dieser Lou Reed?

Gratze steht vom Tisch auf und geht hinüber in die andere Ecke des Raumes, wo seine Plattensammlund steht. Er winkt Smirn heran. Der erhebt sich ebenfalls, greift sich stöhnend an den Kopf –

SMIRN
Scheisse.

- und schlurft zu Gratze, der auf dem Boden kniet und eilig seine Platten durchblättert.
Müde sieht Smirn ihm dabei zu. Dann ist er mit einem Schlag hellwach.

SMIRN
Hey! Stop mal! Was war das da eben!?

Gratze blättert zurück. Grace Jones, Nightclubbing von 1981.

SMIRN
Das ist doch –

Er beugt sich ganz dicht über das Plattencover.

SMIRN
- diese Drag-Queen, dieser Transvestit, mit dem ich gestern getanzt habe!

Gratze seufzt, steht auf und setzt sich kopfschüttelnd wieder an den Tisch.

SMIRN
Doch, ich glaube schon.

Gratze schliesst die Augen.

SMIRN
Okay. Wer ist Lou Reed?

* Und wer ist Phill Niblock?
Phill Niblock, 1933 in Indiana geboren, macht Kunst aus Musik, Film und Fotografie. Er lässt einen zum Beispiel stundenlang Menschen aus aller Welt bei ihrer Arbeit zusehen und sorgt dabei mit Drohnen von ca. 130 dB für Gehirnerweichung. Seit 1973 hat er tausende von Auftritten hingelegt.
** Und Dean Roberts?
Dean Roberts ist Gitarrist und Neuseeländer, schätzungsweise Mitte 20, macht sich aber gern ein paar Jahre älter, wahrscheinlich um seriöser zu wirken. Er lebte in New York, wurde aber der Vereinigten Staaten verwiesen und hält sich derzeit in Venedig auf. Seit 1995 hat er mehrere Schallplatten veröffentlicht.

             
Im Studentenwohnheim

Ein winziges Zimmer in einem Studenten-Wohnheim.
GRATZE (Christina Ricci) liegt auf dem Bett und raucht. Sie trägt nur einen String-Tanga und ein mintgrünes Poloshirt. Dann klopft es und ohne eine Antwort abzuwarten, wird die Tür geöffnet, SMIRN (Lino Ventura) steht im Zimmer. Gratze setzt sich auf.

GRATZE
Hey! Was soll das?

SMIRN
Reine Routine.

Smirn sieht sich aufmerksam im Zimmer um, fasst hier etwas an, nimmt da etwas hoch. Gratze springt vom Bett auf.

GRATZE
Haben sie einen Durchsuchungsbefehl oder sowas?

SMIRN
Ich möchte, daß sie sich etwas ansehen.

Er geht zur Tür.

SMIRN (über die Schulter)
Und ziehen sie sich was über.

Gratze steigt in eine Jogginghose und schlüpft in ein paar Tatzenhausschuhe. Dann eilt sie den Gang hinunter hinter Smirn her. Der steht bereits an der Tür der Gemeinschafts-dusche, wartet, bis der Dampf sich ein wenig verzogen hat und Gratze bei ihm angekommen ist.
Gemeinsam gehen sie hinein.

GRATZE
Ja und?

SMIRN
Schließen sie die Augen.

Gratze lacht unsicher, schließt dann aber doch die Augen. Smirn schreibt mit den Finger auf den beschlagenen Spiegel: DU SAU.

SMIRN
Jetzt!

Gratze schlägt die Augen auf und liest.

GRATZE
Das ist -
Sie kratzt sich.

GRATZE
- wunderschön.

SMIRN
Das war's auch schon. Vielen Dank.

Er geht hinaus und die Schrift verblaßt langsam.

             
In der Hölle auf Rädern

SMIRN (Macaulay Culkin, Comeback) steht mit mehreren Hochglanztüten am Straßenrand und raucht hektisch eine Zigarette.
Dann kommt ein gelber Roadster angefahren, am Steuer sitzt GRATZE (Sonja Kirchberger). Sie hält, beugt sich rüber und öffnet die Beifahrertür. Smirn wirft seine Tüten ins Auto und steigt ein.

SMIRN
Na endlich! Ich warte schon ewig.

Gratze deutet auf Smirns Zigarette.

GRATZE
Bitte nicht im Auto, Liebling.

Sie betätigt den elektrischen Fensterheber und Smirn schnippt die Zigarette hinaus.

SMIRN
Es ist zum Kotzen. Nur Freaks unterwegs: Kanaken, Nigger, Junkies, Penner...

GRATZE
Du hast Recht. Ich werde mit Dad drüber reden. Wie war es bei Doktor Sellmann?

Smirn starrt nur aus dem Fenster.

GRATZE
Komm schon, wir konnten doch immer über alles reden.

SMIRN
Bitte, Ma.

GRATZE (zitternde Stimme)
Ich mache mir eben Sorgen um dich.

SMIRN
Also, wenn du es unbedingt wissen willst. Ich soll mich „von den Konventionen lösen“.

GRATZE
Da hat er sicher Recht.

Eine rote Ampel, Gratze muß anhalten. Sie lächelt Smirn liebevoll an.

GRATZE
Machen wir mal etwas ganz verrücktes? Hmm!?

SMIRN
Okay. Aber heute nicht mehr. Ich muß in -

Er sieht auf seine Uhr.

SMIRN
Oh Scheiße! Ich muß in zwei Minuten bei Jamie sein! Jetzt fahr doch!!

Gratze sieht Smirn seufzend an, geht dann auf's Gas und mäht die querenden Passanten um.

GRATZE
Aber kein Wort zu Dad, Liebling. Du weißt -

SMIRN
- er kann Jamie nicht ausstehen. Ich weiß.

             
             

in meiner fantasie zerfällt tom hanks stets zu muffig riechendem staub