Die ersten 4209 Kilometer

Der Klassiker in Sachen Ostreisen ist Indien. Im Frühlingsmonat März sind der geschmeidige Dr. Amsel und der unbezwingbare Mr. Nic gen Osten aufgebrochen, um Euch von den wundervollen Geschichten zwischen dem 26. und 65. Längengrad zu berichten und um die Kunde vom gottgeküssten Ort Babylon weiterzutragen.
Als ich mich in unseren 123 Daimler setzte, fühlt es sich an, als wäre ich für 2 Stunden ins Kino gegangen, um einen guten Filim anzusehen. Erst glotze ich die Werbung, das Licht wird unmerklich gedimmt, aber allmählich schließt sich der Vorhang, um nach wenigen Augenblicken wieder zu öffnen. Der Ausschnitt wird breiter und ein ohrenbetäubender Sound zwingt mich in eine andere Welt. Das Popcorngeraschel ist wie immer nervig, einige quatschen noch, doch als ich mich umdrehe und sie beleidige, verstummen auch die Letzten. Endlich, endlich. Noch immer bin ich nicht eingefadet, aber eine gute Einleitung verspricht einen spannenden Hauptteil.
 

In Budapest schauen wir uns eine schlechte Kunstausstellung nach der anderen an. Dr. Amsel und ich sind beleidigt. Nur noch ein paar Schlucke Wasser und Essenskrümel finden sich auf dem Buffet. Die 15 Weinflaschen sind leer wie Orgelpfeifen.
Es ist saukalt in Budapest. Ich bin ja notorisch underdressed, weil ich lieber gut aussehe. Dafür habe ich einen gut geschnittenen Bart, was mir persönlich wichtig ist und sich später wahrscheinlich als wichtig erweisen wird.
CD und Zyankalie sind unsere ersten Mitreisenden. Sie haben selbst einen Wagen, weil unserer ist voll und daß wir uns nach diesem Abend wieder trennen, ist ausgemachte Sache. Es ist langweilig, weil die Künstler Studenten und auch nicht underdressed sind. Wir gehen Essen. Ungarisch. Viel. Ich habe Lust, mir den Finger zu geben, mache es nicht, weil ich gut erzogen und nicht magersüchtig bin. Ich habe noch was zum Kiffen, das lenkt meinen Körper vom schlimmsten ab.

 

Wir gehen nach Hause und dürfen für diese Nacht bei CD und Zyankalie schlafen. Draußen schneit es. Am 'bewachten' Parkplatz ist es allemal besser. Also gehen wir und nehmen den Schlüssel von Zyankalies Wagen mit. Wir laden unsere Sachen um, damit wir Platz kriegen, um im Kofferraum zu schlafen. Niemand interessiert sich für den Höllenlärm. Der Parkwächter schläft lieber zu Hause. Das verstehe ich und bin nicht sauer. Ich werde auch nicht wegen der Gebühr diskutieren.
Am Morgen liegt viel Schnee auf unserem Wagen und Matsch gibt es auch auf dem Parkplatz. Wir frühstücken was in Pest, weil Buda weit weg ist. Zu weit zum Laufen. Die Ungarn machen gutes Süssgebäck zu niedrigen Preisen.
  Am Samstag (3.3) kommen wir in Timiþoara (Rumänien) an. Die Tante und der Onkel vom Dr. A. haben schon gewartet. Es war aber schon spät und wir wollten mit den alten Leuten nicht mehr soviel reden. Das Auto wurde bei anderen Verwandten mit Hinterhof und Hinterhofhund Jimmy abgestellt.
Wir haben 3 Reisetaschen und 3 Plastiktüten voll mit Hilfsgütern mitgebracht. Das Auto wurde dadurch nicht leerer, nur noch unaufgeräumter.
Der Onkel ist alt und redselig, er kann ja auch drei Sprachen. Rumänisch, Ungarisch und deutsch. Der Onkel kannte auch alle Gebäude, er ist hier aufgewachsen.
Die Tante ist dick, aber sehr nett und auch gut gelaunt. Ob wir noch was essen wollen? Mmh, eine Suppe kann's schon sein.
Am nächsten Tag gibt's ungarische Bohnensuppe. Mein Zimmer ist vollgepackt mit Ost-Antiquitäten. Die sechs Gepäckstücke fallen weiter nicht auf und jetzt haben sie alles doppelt. Dr. A. schläft bei der Onkeltante, mehr Zimmer gibt es nicht.
Die ganze Zeit ticken Uhren. Ab dem Morgen werden wir wieder zugestopft mit Essen. Das ist gut, leider habe ich nichts mehr zum Kiffen, dafür aber Zyankalie.
Nachmittags räumen wir unseren Wagen auf und versuchen die Soundanlage zu installieren.
Der Hofhund ist enorm devot und aufdringlich zugleich. Er ist scharf auf uns beide und will nicht von der Seite weichen.
Meine Stimmung ist wie das Wetter - gut.
Im Hof entsteht ein Chaos und alle Hausbewohner können sehen, was wir mit auf die Reise nehmen. Ich habe ein rostiges Taschenmesser und ein Mann aus dem Haus schleift es. Da gehen wir später auch zum Essen hin. Der Verwandtschaftsgrad ist für mich nicht nachvollziehbar, aber es gibt sehr guten Hauswein. Abfüllmenge ca. 20 Liter im Jahr - was besonderes. Als die Familienbilder auf den Tisch kommen wird's mir auch warm ums Herz und gebackene Sauereien leiten den Abgang ein.
Da ist noch die Familie von Sali, der im selben Haus wohnt und der will auch noch besucht werden. Noch mehr Hauswein, ein anderer, und ich bin breit. Mutter, Tochter und eine Freundin waren auch erfreut über unseren Besuch. Als es dunkel war und wir gingen, habe ich den Hund gefotzt, weil wir noch immer keinen Sound in der Kiste hatten.
  Am Montag geht's weiter nach Osten, dauernd werden wir von der Politia aufgehalten, weil ein Beamter mit einem Maschinengewehr von einer Autoknackerbande erschossen wurde. Rumänen und Zigeuner wechseln sich ab. Manchmal gibt es eine echte Zigeunerburg zu sehen und die sehen sehr gut aus. Ich persönlich würde mir auch so ein Haus bauen. Sehr schick.
Fuhrwerk, beladen mit Menschen oder Müll gibt's mehr und mehr, dann wird es nacht und wir wollen campen. Leider mußten wir ein altes Bett verheizen um uns zu wärmen. Zur Strafe hat's dann um halb fünf geregnet. Davon bin ich aufgewacht und habe noch mal ein Feuer angemacht um unsere Sachen zu trocknen.
Die Hunde der Zigeuner haben sich die ganze Nacht Geschichten erzählt.
Giurgiu haben wir hinter uns gelassen, obwohl es dort die besten Nylonstrumpfhosen gab, die ich in meinem Leben gesehen habe.
Spitzengeschwindigkeiten bis zu 180 km/h auf der Landstraße hat Dr. A für uns heraus gefahren, obwohl die Straßen das nicht zuließen. Doch wenn man sich einen 'Freund' sucht, der vorfährt, geht das. Schlagloch-Slalom.
Die Bulgarischen Zöllner wollten uns ficken. Die rumänischen auch. Meine These ist, daß sie sich nur ihren schlechten Kollegen angepaßt haben. Alle wollen Dollars oder geile Taschenlampen. Richtig ausgepackt haben wir bei den Rumänen und wir waren nicht ganz undankbar, weil wir im Trockenen das Auto wieder auf Vordermann bringen konnten. Brücken- und Ökosteuer, bei den Bulgaren Ökosteuer und Desinfektion. Die Spray-Anlage war nicht mal eingeschaltet. Ich habe diese Kröte geschluckt, aber dafür keine müde Mark mehr in Bulgarien ausgegeben.
Abends noch an der türkischen Grenze haben wir uns so frei bewegen dürfen wie noch nirgendwo. Nach zwei Stunden waren wir drin. Nicht auszudenken, was gewesen wäre, wenn mehr als die fünf Fahrzeuge zum abfertigen gewesen wären.
Türkische Liren hatten wir natürlich auch noch keine, aber befanden uns schon auf einer gebührenpflichtigen Autobahn. An einer Raststätte konnten wir über die Versorgungszufahrt 'umsonst' abfahren. Nach einigen km Landstraße standen wir unverhofft am Marmarischen Meer. Der Schlafplatz sprach wieder für sich selbst und ich mit mir im Traum (Silivri). Türkiye, Türkiye!!!
Die Aufzählung der folgenden Stationen sollen Euch nur einen kurzen Eindruck unserer Route vermitteln.
Istanbul umfahren (keine Zeit), Þile, Kandira, (wunderbares Bergland, aber zeitraubend), Ankara (endlich eine Großstadt und endlich eine Landkarte), Sivas (1700 Meter Höhe, kalt - sehr kalt) und Erzurum (im wilden Kurdistan - 'frei nach Karl May dem Sachsen').
  Aktuell am 13.3. Dienstag in Van; 100 km vor dem Iran. Nach einem genauerem Kartenstudium wird uns mal wieder heiß kalt und in unseren Köpfen knattert es.
Auch die Kurden sind ein sehr herzliches und freundliches Volk. Man bezahlt hier für eine Unterkunft (5 Mio. - 2 Mio. TL; 1Mio. entspricht etwa 2,50 DM) sehr viel weniger als in anderen Teilen der Türkei.
Wenn man sich mit den Menschen ein bißchen unterhält und ihnen Auskunft über seine Herkunft gibt ist das Çay umsonst und zum Frühstück wird man eingeladen. Sowieso frühstückt jeder im Çay-Haus, Männer halten sich an den Händen und Frauen scheinen verpönt. Gegen 22.30 ist totale Schicht. Alk - Fehlanzeige, in Ankara schon. Mit Kiffen geht auch nichts.
Die Jungs reden gerne über Sex, haben aber scheinbar nie welchen. Im Bett - habe ich den Eindruck - müssen sie alle spitze sein. Morgen steht die Einreise in den Iran bevor und so langsam sickert ein Gefühl von Reisen und weit weg durch.
Bin gerade etwas leer, aber es gibt noch Berichte über Ankara, Sivas (Spitzenbesuch bei Yildirims mit Gastgeschenken). Es ist verdammt hart auf einer türkischen Tastatur zu schreiben und ich muß leider aufgeben.
Herbe Verluste: Mobiltelefon, 3 Mio. TL u
nd der Beutel mit der Zahnbürste. Allaha ismarladik mr. nic

Dr. Amsel führt den 4. Tag der Reise genauer aus und Mr. Nic gerät in Wut.

die einen umgeben sich mit kunststudenten, die anderen mit pelzmänteln