Der 4. Reisetag
(aus Sicht des Dr. A.)


Dr. A. aus Sicht von Mr. N.

 
 

Wir sind in Timiþoara morgens losgefahren, unser Ziel Giurgiu, die letzte Stadt kurz vor der bulgarischen Grenze - die einzige Brücke über die Donau von Rumänien nach Bulgarien.
Wir fahren über Caransebeþ Richtung Craiova als plötzlich der Verkehr abrupt zum Stillstand kommt. Hunderte von Autos und Lkws stehen auf der Straße - einige versuchen auf der Gegenspur weiterzukommen, müssen sich jedoch dem Gegenverkehr geschlagen geben.
Wir stehen an einer Ausfallstraße, die rechts und links von ein- bis zweistöckigen Wohnhäusern gesäumt ist. Nicht viel später tauchen die ersten Schmarotzer auf, Jugendliche bzw. Kinder die an den stehenden Autos vorbeilaufen und aufdringlich betteln, um Geld oder wahlweise andere Sachen. Danach Kinder, die den Wartenden selbst geschnitzte Baseballschläger bzw. Holzknüppel verkaufen wollen - schön verarbeitet für umgerechnet eine Mark - wir haben keinen Bedarf.
Ich frage den Fahrer vor uns, was der Grund für den Stau ist, doch er weiß es auch nicht. Mr. Nic steigt aus und bietet an die Lage am Kopf des Staus auszukundschaften. Er läuft aus meinem Sichtfeld. Ein paar Minuten später rauscht ein schwerer LKW voll mit uniformierten Männern in schwarzer Kampfanzügen an uns vorbei, sie grinsen feist unter der Plane sitzend die Wartenden an.
Wenig später setzen sich die Fahrzeuge in Bewegung - der Stau hat sich aufgelöst.
Wir fahren über eine Brücke, an der Polizei und schwarz gekleidete Sondereinheiten mit großen Plexiglas-Schilden die Menge abgedrängt haben und so die Brücke freihalten. Eine kleine Entschädigung für die regelmäßigen Polizeikontrollen bei jeder Einfahrt in eine Stadt und jeweils einmal zwischen den Städten.
Am Abend zuvor ist auf dieser Strecke bei LUGOJ ein Polizist mit einem Maschinengewehr erschossen worden. Er hatte versucht zwei Autodiebe aufzuhalten, die einen Mercedes gestohlen hatten. Wir sind bestimmt an jeder zweiten Kontrolle aufgehalten worden, jedoch nach kurzer Überprüfung der Papiere weitergekommen.
Die Polizeikontrollen hören erst kurz vor GIURGIU auf.
Auf unserem Weg passieren wir einige Zigeunerdörfer und Stadtteile - besonders gehäuft um CRAIOVA -, wo ein Zigeunerschlösschen neben dem anderen steht, ab und an auch ein richtiges Schloß, alle offensichtlich nach den gleichen Bauplänen gebaut, lediglich der Maßstab ist dem Budget angepaßt. Sie haben alle silberne Dächer, mindestens zwei Türme, eine große Einfahrt und auf den Mauern hängen die bunten Perserteppiche. Auf dem Boden vor dem Schloß kauert oder sitzt die ganze Familie.
Diese Zigeuner bilden einen scharfen Kontrast zu vielen, die mit der ganzen Familie in einfachen Pferde- und sogar Eselskarren auf der Landstraße fahren. Es sind unheimlich viele Leute auch mit schwerem Gepäck oder Holz zu Fuß auf den Straßen unterwegs, obwohl die Strecken zwischen den Dörfern auch mal 10 km betragen. Der Tag ist ein Sommertag - ca. 15 grad plus - zwei Tage vorher hatte es in Budapest noch geschneit.

 
 

GIURGIU
W ir fragen nach einer Übernachtung. Das billige Hotel kostet fast 100 DM (DZ) und sieht nicht wirklich einladend aus. Wir beschließen zu campieren.
Mittlerweile ist es dunkel geworden. Wir fahren aus der Stadt hinaus und geraten in ein kilometerlanges Zigeunerviertel. Endlich haben wir die Stadt hinter uns gelassen, da beginnt schon wieder ein Dorf. Die Gegend ist im Gegensatz zu dem Rest unserer Tagesstrecke dicht besiedelt. Nicht viel weiter sehen wir die Lichter des nächsten Dorfes. Wir beschließen umzudrehen und unser Glück an einem anderen Ende der Stadt zu probieren.
Als wir in einer Einfahrt wenden wollen, sehen wir, daß ein Feldweg durch das große Tor zu schattenhaften Gebäuden führt. Wir fahren hinein und stellen fest, daß dies wohl ein ehemaliges Landwirtschaftskollektiv ist - mittlerweile verlassen.
Ca. 100m von der Straße entfernt beschließen wir unser Lager aufzubauen. Daß Zigeuner in der Nähe sind, beruhigt uns, denn so wird sich niemand daran stören, daß wir ein Feuer machen wollen. Die Hunde im ganzen Dorf scheinen sich diese Abendzeit zum Bellen ausgesucht zu haben. Einige Häuser sind in Rufweite, wir hören wie Menschen herumschreien.
Leider gibt es kein Holz mehr zu finden - offensichtlich haben es andere schon eingesammelt, lediglich Schilf liegt überall herum. Wir brauchen jedoch Holz, da entdecken wir in einem Nebengebäude eines ehemaligen Stalls ein Bett ein und einen Holzofen - offensichtlich hat hier jemand gelebt. Durch das nicht verglaste Fenster steigen wir ein und zerlegen das Bett. Damit hätten wir genug Holz. Wir schüren ein schönes Feuer, trinken Hauswein und legen uns bei mildem, trockenem Wetter im Freien schlafen.
Um halb fünf morgens wecken uns Regen und kalter Wind. Es hat keinen Sinn im Auto weiter zu schlafen. Wir verheizen das Restholz und machen ein langes Frühstück bis kurz vor acht, denn wir müssen zur Bank. Wir brauchen Geld zum Tanken.
Diese Regenfront soll uns bis kurz vor Istanbul nicht mehr verlassen. Weil es regnet, können wir unser Auto nicht richtig packen. Alles stapelt sich bis unter die Decke, es gibt keine Sicht mehr durch die Heckscheibe. Doch wir haben weder Lust noch eine Möglichkeit umzupacken. Also hoffen wir, daß wir an der Grenze alles auspacken müssen, um uns dann richtig schön Zeit fürs Einräumen zu lassen.

 
     
 

GRENZE RUMAENIEN/BULGARIEN
Wir passieren einen ersten Polizeikontrollposten: die Papiere sind in Ordnung und werden uns wieder ausgehändigt. Dann spricht uns der Uniformierte an und fragt uns, ob wir was für ihn hätten, "für einen Kaffee". Wir sind etwas perplex und verstehen ihn nicht richtig "nein Kaffee haben wir nicht". Ich lasse ihn mindestens dreimal seine Frage wiederholen, da dämmert es mir - er will etwas haben. Am liebsten Geld, einen Dollar.
Wollen wir ihm nicht geben. Sagen, wir haben keines.
Er glaubt uns nicht und sagt, daß wir gleich Brückenbenutzung (21DM) und Ökosteuer (8$) in Rumänien und dann noch Wegezoll (?$) und Desinfektion (2$) bei den Bulgaren zahlen müssen.
Wir sagen, wir haben keinen Geld und schenken ihm eine Packung rumänische Zigaretten im Wert von 1DM, die er widerwillig annimmt. Als wir zum Ökosteuerhäuschen gehen, sagt uns die gute Frau, daß wir 8$ zahlen müssen, aber netter wäre es, wenn wir ihr und ihren Kollegen 10$ geben, das würde dann auch für einen "Kaffee" reichen. Da wir nicht checken, daß die eigentlich nix zu melden haben, tun wir das. Eine Lektion für 2$.
Dann kommen wir zur rumänischen Grenzstation. Der Zöllner, der mich sofort fragt, ob der Benz ein 79 oder ein 80er Baujahr ist, tut uns den "Gefallen" und läßt uns komplett wirklich alles aus dem Auto auspacken. Wir hatten zuvor noch Witze gerissen. Doch es ist optimal, denn unser ganzes Gepäck paßt wirklich auf die Bänke und neben das Auto - der einzige trockene Platz weit und breit - es ist bitterkalt und regnet in Strömen. Wir können endlich die Schlafsäcke packen, unsere nasse Plane ausschütteln, die Kisten und das Equipment in Ordnung bringen. Wir haben eine eigene Spur für uns und packen sehr gewissenhaft. Wenn die Bulgaren das auch tun, werden wir uns zu Tode ärgern.
W ir fahren über die Brücke, dann kommt der bulgarische Zöllner. Er macht die Tür auf und sieht eine unserer großen Maglights. Die andere haben wir im Kofferraum versteckt, nachdem der rumänische Zöllner sie schon ehrlich bewundert hatte.
Er war wirklich ein netter Kerl und kannte sich mit der 123 Baureihe aus,
hatte uns noch Tips gegeben, wo wir welche Schrauben nachziehen müßten und was wir wie reparieren könnten.
Also - der Bulgare sieht die Maglight, nimmt sie fasziniert in die Hand und faselt etwas von Souvenir während er damit etwas wurschtig im Auto herumleuchtet. Wir sind entsetzt und wollen sie nicht hergeben. Er sagt ständig Souvenir und wir sagen ständig India, und daß wir sie brauchen. Außer uns dreien ist niemand da, alle anderen haben sich bei dem Pisswetter in ihren Häuschen verkrochen und schauen sich hämisch die Show an. Schließlich gibt er uns die Maglight und läßt uns weiterfahren.
Dann wird der Wegezoll kassiert.
7$, eine Schranke geht auf, wir fahren weiter. Als wir die Quittung genauer anschauen, steht da 5$ Wegezoll und weitere 2$ die nicht genauer erläutert sind, wir nehmen an für "Kaffee".
Dann 2$ Desinfektionsgebühr. Es reicht! Wir haben wohl eine der räuberischsten Grenzen Europas passiert und zusätzlich zu den offiziellen Gebühren, 4$ und eine Schachtel Zigaretten dagelassen. Wir beschließen Bulgarien links liegenzulassen und einfach mit vollem Tank durchzufahren und das Land so zu strafen. Noch dazu funktioniert unser GPS zum erstenmal nicht, anscheinend verwenden die Bulgaren Störsender. Außerdem pisst es. Wir werden es schaffen durch das Land zu fahren ohne eine einzige Lewa zu wechseln. Aber ich will nicht schlecht über die Bulgaren reden.
Doch dazu ein ander Mal mehr. Denn Mr. Nic, der ca. 1m neben mir in Ankara in einem Internetcafé sitzt, hatte gerade einen Tobsuchtsanfall. Sein Reisebericht, an dem er gerade 2h geschrieben hat, ist einfach verschwunden. Der Rechner hat die Mail verloren. Mr. Nic hat die Maus auf den Bildschirm geknallt und herumgeschrien. Sofort kamen 3 Leute und sahen nach dem Rechner und tun's immer noch. Mr. Nic bekam sofort einen Tee und einer der Anwesenden kümmert sich seitdem um ihn. Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. Dr. A.

 
   

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