Die Bärte

Je weiter wir in den Osten dringen, desto wichtiger werden die Bärte. Deshalb widme ich dieses Kapitel den Bärten, die meinen Weg gekreuzt haben, jenen, denen ich noch begegnen werde, und jenen, die mir selbst im Gesicht wachsen und einer ständigen Veränderung unterworfen sind. Ich erzähle hier von den wichtigen Bärten. Es sind türkische, iranische und pakistanische Bärte. Meistens sind sie lang und alt, schlohweiß und kraus, mancher gar schwarz und geschmeidig, so wie die Bewegung der Straße. Alles definiert sich über den Bart. Erst einmal werden wir ausgefragt, wo wir unseren Bart haben wachsen lassen, ob es ein Ursprungs- oder ein Neubart ist. Ob er immer so getragen wird, oder ob wir anpassungsfähige Bärte haben. Ich finde ein Bart muß, und das ist eine Grundfunktion des Bartes, kompatibel sein. Er muß sich der Raumtemperatur und den Lichtverhältnissen anpassen können. Habt ihr schon vom intelligenten Bart gehört? Manch ein Bart kann sprechen und beantwortet Fragen. Das ist ein guter Bart. Oder manchmal brauche ich auch einen guten Bart, dann geh ich schnell zu einem hin der einen hat und das ist oft der beste Bart.

 
  In der Türkei, und das ist oft der Beginn aller Bart Geschichten, legen die Männer größten Wert darauf. An der Grenze kommt keiner rein der keinen hat. Auch für Frauen gilt das und deshalb tragen sie einen Schleier, somit der Bart-Zöllner nicht erkennen kann, ob sie einen hat oder nicht. Das setzt neue Maßstäbe in der Damenbartkultur, und ich freue mich schon, wenn alle Frauen in Deutschland einen Bart tragen, wenn ich nach Hause komme. Endlich können dann die Frauen mit uns Männern konkurrieren. Das heißt, nur durch einen Bart kann man eine Frau erst wirklich ernst nehmen.
Worte, die durch einen Bart gesprochen werden, sind angenehmere Worte und sind durch den Haarfilter lügenfrei. Der Frau sagt man im allgemeinen nach, das sie eine gespaltene Zunge hat. Das Gerücht kann sich verflüchtigen, wenn nur die Frauen auch einsehen, daß sie einen Bart tragen MUESSEN. Dann kann jeder Mann sich auch auf die Aussagen der Frau verlassen und sie kann sich sogar im selben Zimmer aufhalten wie Männer. Ja man kann sich sogar vorstellen das sie am selben Tisch Platz nehmen könnten. Im Islam würde vieles noch schöner werden durch die Anwesenheit der Frauen.
Ich gebe zu, die Männer hier glauben den Frauen noch nicht, dass sie gute Bartträger sind. Deswegen sind beide Geschlechter oft über Wochen und Monate getrennt. Dazu kommt auch, das Frauen sich (wie in Deutschland) die Fußnägel lackieren, Cremes auftragen und dezent einen Lippenstift benutzen. Manchmal entdecke ich auch einen sanften Lidstich oder ein zartes Augen Make-up. Frauen können unheimlich hübsche und gebildete Wesen sein, mit denen man nicht sprechen darf. Die Männer haben sich das ausgedacht, weil sie nicht wollen, das rauskommt, das alle Frauen im Orient viel besser Englisch sprechen können als Männer und das ohne Bart. Ich habe das rausgefunden, dazu später.  
  In der Türkei sind alle freundlich, es ist ein gutes Volk. Ein Familie bei Sivas hat uns zum großen Fressen eingeladen und uns viele Essensachen mit auf die Reise geben. Die Yildirims Frauen, zwei an der Zahl, haben gut gekocht, aber kein Wort englisch gesprochen. Es fehlte der Bart.
Wir kamen nach Kurdistan, wo es so gefährlich ist. Ganz in der Nähe eines Dorfes sind wir aufgewacht und die Kurden haben uns in ihr kleines Dorf verschleppt. Wir mußten Ayran, Joghurt und Brot frühstücken. Der Gastgeber, ein unlauterer Bartträger hat einen Sohn und sechs Töchter. Wir haben keine mitgenommen, alle ohne Bart. Also für mich war es nichts.
In Van, einer Stadt nahe der Grenze, sind wir eine Nacht geblieben. Es war sehr schön da, weil alle am Markt gerne mit uns gesprochen haben."oh, was habt ihr für schöne Bärte, seid ihr aus Deutschland, Dr. Amsel, are you a hajji?" Alle waren immer sehr interessiert. Wenn wir viele Antworten gegeben haben und gesprächsfreudig waren, mußten wir Gäste sein. Geld durften wir nicht anfassen, sonst würden wir ausgepeitscht werden. Mit einer neun bärtigen Katze.
Ich habe schon viele Katzen gesehen. Die Katzen werden behandelt wie Underdogs (man nimmt sie ja schließlich zum auspeitschen) und Hunde werden behandelt wie Underdogs. Sie sind es nicht wert ausgepeitscht zu werden. Wenn uns die Strafe zu hoch erscheint, dann handeln wir einen Gegendeal aus. Einmal hat der Dr. Amsel so gut gehandelt, daß anschließend die Katze mit einem Hund ausgepeitscht wurde. Tiere zählen hier nichts. Außer Esel und Ziegen, weil sie Bärte haben.  
  Im IRAN ist alles anders. Die Menschen sind noch freundlicher und weitaus unaufdringlicher als in der Türkei. Aus den knallharten schwarzen Bürsten, wie sie in den Horroschockbilderbüchern von Günther Wallraff zu sehen sind, sind voluminöse weiche Bärte geworden. Manchmal ist ein roter Bart darunter, Genvermischung oder Henna? Ein rätselhaftes Bartverhalten.
Doch der Schemabart ist von der Karte gestrichen. Mein persönlicher Bart ist in einem schlechten Zustand, aber vorhanden und so werde ich akzeptiert. Der Bart von Dr. Amsel hat so auf die Bevölkerung von Esfahan gewirkt, daß er auf der Straße gekniffen wurde. Ich wurde auch einmal gekniffen und habe bemerkt es war eine Frau. Der hat mein Bart wahrscheinlich gefallen. Der Dr. ist auch von einer Frau gekniffen worden.  
  Im Verkehrsstau bemerke ich einen braunen Peykan neben uns. Die Scheibe geht herunter und eine Frau von etwa 60 Jahren sitzt am Steuer und quatscht mich an.Where are you from?" Ich antworte "from Germany" sie sagt "I don't speak englisch" und deutet nach hinten. Die Scheibe geht runter und ihre vier Töchter auf der Rückbank drängen mich in ein Fragenkorsett. Ich hatte bei dem Gespräch soviel Bart im Mund, das sie mich schlecht verstanden haben. Aber die haben nur so in einem fort zu mir ins Fenster reingequatscht. Uns blieb nichts anderes übrig als mit wehenden Bärten rechts Richtung Shiraz abzubiegen.
In Shiraz haben wir nichts gesehen, weil wir von unseren Guide Amir vollbeschäftigt von einem Ding zum anderen liefen. Ich war unentspannt, mein Bart zog sich zurück. Dr. Amsel hat viele gute Entspannungsübungen mit mir gemacht. Autogenes Training sei sehr gut für Traveller, danach hat Dr. Amsel zwei Unfälle mit der Maschina gebaut.
Einmal ist er in einem offenen Kanal mit dem Vorderrad hängen geblieben. Ohne die Hilfe von sechs schnell herbeieilenden Bartträgern, wären wir nie wieder rausgekommen. Vorne haben sie mit Hauruck den Wagen wieder auf die Straße gewuchtet.
Am nächsten Tag hat Dr. Amsel beim Einparken! mit 30 Sachen eine Peykan Stoßstange geküßt. Der Doktor ist ausgestiegen und hat sich versonnen über den Bart gestrichen und das Auto angeschaut und , ich habe es gesehen, unter seinem Bart gelächelt. Dann bin ich auch ausgestiegen. Die Beifahrertüren sind beide eingedrückt.